"Das Kostbarste sind Menschen“

veröffentlicht 21.10.2026 von Christian Weise, Dekanat Rheingau-Taunus

Überall stehen Umzugskisten herum, manches der alten Möbel hat schon den Besitzer gewechselt. Nur von seinen theologischen Büchern kann er sich nur sehr schwer trennen: Pfarrer Johannes Seemann und seine Frau Claudia befinden sich im „Umzugsmodus“.

Auf den Tag genau sind es acht Jahre her, dass Pfarrer Johannes Seemann in den Kirchengemeinden Heftrich und Bermbach eingeführt wurde. Jetzt wird er am 8. November um 14 Uhr von Dekan Norbert Feick in der Pfarrkirche zu Heftrich in den Ruhestand verabschiedet.

Auf die Frage, was er am meisten vermissen werden sagte er sofort: „Auf jeden Fall die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden“. Dabei hatte er zu Beginn seiner Pfarrerkarriere „vor nichts mehr Angst“, als vor der Arbeit mit den Jugendlichen, gibt er unumwunden zu. Das hat sich über die Jahre sehr gewandelt. Man spürt es ihm ab. Die letzte Konfirmation im Mai war sei sehr emotional gewesen, berichtet er. „Natürlich werde ich es auch vermissen zu predigen und Gottesdienste zu leiten, das ist mein Ding“, so Seemann. Das werde er aber jetzt reduzieren. Vermissen werde er auch in „verantwortlicher Position eine Kirchengemeinde nach vorne zu bringen“. Als Pfarrer könne man Akzente setzen, „auch wenn das mir nicht überall gelungen ist“, sagt er nachdenklich. Pfarrer zu sein, das sei mehr als ein Job. „Es ist meine Leidenschaft, mein Herz, und meine Schmerzen“, erklärt er. 

Geschmerzt hat es auch, als er sein Herzensprojekt „FF“ nach knapp zwei Jahren aufgeben musste. Eine Familienfreundlicher Gottesdienst mit parallel stattfindendem Kindergottesdienst und anschließendem gemeinsamen Mittagessen. „Viele fanden ihn gut, es gab positive Resonanz“, aber nach und nach kamen immer weniger und die Organisation wurde zu aufwendig. Es sind mehr die „kleinen Dinge vor allem die Begegnungen mit Menschen, die Seemann wichtig waren. Die Treffen mit dem Konfi-Team begannen häufig mit gemeinsamem Frühstück, er hat das Kirchenkaffee angestoßen. „Zu Beginn der Zeit hier luden wir nacheinander alle 21 Kirchenvorstands-Mitglieder einzeln (und jeweils mit Partner) zu uns ein. Alles keine großen Geschichten, aber teilweise sehr intensiv und eindrücklich für die Teilnehmenden“, so der Seelsorger.

Den Vater von vier Kindern zieht es Anfang 2027 in die Nähe von Bruchsal. Näher zu den Kindern. Eine neue Gemeinde, in der sie erst einmal „einfache Gemeindeglieder“ sein wollen, haben sie sich auch schon ausgesucht. Im ersten halben Jahr will sich Seemann allerdings erst einmal eine Auszeit nehmen. Keine Gottesdienste, keine Beerdigungen, keine kirchlichen Angebote setzen, „obwohl es schon Anfragen gibt“. Es müsse erst mal einen spürbaren Absatz geben, erklärt er. „Aber ich bleibe im Herzen und mit Leidenschaft Theologe.“ Er hofft im Ruhestand „mehr Raum für Menschen zu haben“ und kann sich vorstellen sich etwa in der Tafel oder für Alleinerziehende zu engagieren. „Das Kostbarste sind Menschen“, sagt er Es sei beglückend zu sehen „wenn bei denen etwas passiert.“ 

Höhepunkte im Heftrich und Bermbach mit den Seelsorgebezirken Kröftel und Oberrod waren nicht unbedingt die ganz großen Events. „Mir war all die Jahre die Gemeinschaftlichkeit des Glaubens an Christus sehr wichtig - und zwar die tatsächlich gelebte: Daher haben wir in allen Gemeinden den Versuch gestartet, Formen gemeinsamen Lebens zu finden und dafür Menschen zu gewinnen,“ betont er. 

Als er in das Idsteiner Land kam, träumte er „von einer richtigen guten Jugendarbeit“. Er baute nach der Pandemie eine Jugendgruppe auf, die sich aber nie richtig etabliert habe. Er fuhr mit Jugendlichen in andere Orte, um ihnen dort andere Angebote zu ermöglichen. Vor Kurzem klopfte ein 22-jähriger an seiner Tür, der sich von ihm Taufen lassen wollte. Seemann hatte ihm vor Jahren im Religionsunterricht beeindruckt. Im Taufkurs besprachen sie ganz viele biblische Themen, und ganz konkrete Lebensfragen. „Das war ein Bonbon der letzten Monate“, so der gebürtige Selzener. 

Seemann begann als Pfarrer in Eckelshausen bei Biedenkopf, wechselte dann nach Montabaur und kam 2018 schließlich nach Heftrich. Im Ruhestand freut er sich darauf, mehr Zeit für seine Familie und seine Frau zu haben. Nach einem kurzen Urlaub möchte er umziehen, das neue Haus in Forst renovieren und dann die Passionszeit genießen. Ein Traum für den passionierten Wanderer ist eine Outdoor Tour in Norwegen mit seinen drei Söhnen. Auf jeden Fall möchte er weiterhin Menschen Impulse geben und den christlichen Glauben in ihr Leben zu bringen.